Ohne sie geht nichts | INTERVIEW

Der Professor erscheint nicht. Das ist allen anwesenden Kommilitonen jetzt klar. Es betritt ein Mitarbeiter seines Lehrstuhls den Saal, stellt sich neben das Pult, blickt in die Runde und berichtet von einem wichtigen Kongress, auf dem betreffender Lehrstuhlinhaber zugegen ist. Der promovierende Mitarbeiter übernimmt sogleich die Veranstaltung und hält eine überaus interessante Vorlesung. Er wirkt sicher, redegewandt und überzeugt durch ein gutes Lehrkonzept. Der Mitarbeiter hält nicht nur den Betrieb aufrecht, er lässt die Veranstaltung frischer wirken. Doch in der Wissenschaft ist die eigene Forschung ausschlaggebend. Gute Aufsätze, Artikel und Beiträge in Fachzeitschriften und Büchern sind elementare Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Didaktik spielt da kaum eine Rolle. Daher überrascht die „Performance“.

Doch das angesprochene Problem bleibt akut. Nachwuchswissenschaftler erhalten fast ausschließlich befristete Verträge, wenden die bezahlte Arbeitszeit für die Lehre auf und müssen – quasi nebenbei – die Doktorarbeit schreiben. So hangeln sich die wissenschaftlichen „Lehrsklaven“, wie sie die „tageszeitung“ aus Berlin nennt, von Arbeitsvertrag zu Arbeitsvertrag. Eine gesicherte Lebensplanung ist nicht möglich und Zeit für die eigene Forschung bleibt kaum. Ich sprach mit Dr. Dirk Mellies, einem ehemaligen promovierenden Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Greifswald und heute in der öffentlichen Verwaltung tätigen Beschäftigten, über die Möglichkeiten zur Verknüpfung von Lehre und Doktorarbeit, grundsätzlichen Zweifeln am deutschen Universitätssystem und außeruniversitären Arbeitsverhältnissen.

Mitarbeiter an der Uni: Zwischen Doktorarbeit, Lehre und Forschung

Interview

Die Zahl der Studienanfänger steigt kontinuierlich! Konntest du in deiner Promotion die Arbeit für deine Doktorarbeit gut mit deiner Lehrtätigkeit an der Universität verbinden?

Da ich glücklicherweise einer der wenigen Mittelbauer war, der eine volle Stelle innehatte, war ich jedes Semester verpflichtet, zwei Lehrveranstaltungen (Seminare, Übungen) zu geben. Drei bis vier Mal habe ich allerdings interessehalber noch eine dritte Veranstaltung angeboten.

Grundsätzlich konnte ich meine Lehrtätigkeit gut mit meinem Promotionsvorhaben verbinden. Ich habe zumeist je eine Veranstaltung angeboten, die meinem Dissertationsthema oder einem anderen meiner Forschungsvorhaben nahe stand, sowie eine weitere Veranstaltung, die ins Modulangebot des Instituts passte. In der Wahl meiner Themen stand ich weitestgehend frei.

Welche Herausforderungen stellen sich am Anfang für potenzielle Nachwuchswissenschaftler?

Eine große Herausforderung für jeden „Neuling“ stellt sicherlich zu Beginn der Sprung ins kalte Wasser der Lehrtätigkeit dar. Hierfür wird man ja bis heute nicht vorbereitet. D.h. jeder muss sich weitestgehend auf sich allein gestellt, erst einmal eine wenigstens rudimentäre didaktische Kompetenz aneignen. Folge dessen ist natürlich, dass man zumeist in seinem ersten Lehrsemester sehr viel Zeit für die Lehre aufwenden muss. Erst mit der Zeit kommt dann die Routine und damit einhergehend auch die Zeitersparnis, die man auch benötigt, um später nicht in eine zeitliche Bredouille zu kommen.

„Sprung ins kalte Wasser der Lehrtätigkeit“

Mit meinen zwei bis drei Seminaren und einigen kleineren Forschungsvorhaben habe ich letztendlich fast exakt die Zeitspanne für meine Dissertation benötigt, die einem die Sechsjahresregel lässt. Deshalb ist es gerade im letzten Drittel der Promotionszeit wichtig, Prioritäten zu setzen – auch gegenüber der Lehre und den Aufgaben, die man am Lehrstuhl erhält. Ich konnte glücklicherweise immer mind. 50% meiner Arbeitszeit meinen eigenen Vorhaben widmen. Diese benötigt man auch. Natürlich kenne ich aber auch genügend Beispiele aus dem Mittelbau, wo einem dieser – in der Regel vertraglich zustehende – Anteil nicht eingeräumt wird.

Würdest du der Aussage von Ulrich Preis (Hochschulrat der Kölner Universität) zustimmen, dass ohne die ganzen befristeten Stellen der Lehrbetrieb gar nicht aufrechtgehalten werden kann?

Der Aussage würde ich selbstverständlich zustimmen. Man braucht ja nur die Lehrverpflichtungs-stunden der wenigen unbefristeten Mitarbeiter zusammenzurechnen und diese denen gegenüberzustellen, die einen befristeten Vertrag haben. Da in vielen Instituten nur noch die Lehr-stuhlinhaber selbst über einen unbefristeten Vertrag verfügen bzw. verbeamtet sind, ist diese Rechnung ein Leichtes! Vor allem die Kräfte, die im Rahmen der beiden Hochschulpakte ausschließlich für Lehre eingestellt worden sind, haben meines Erachtens die Angebotssituation für die Studierenden maßgeblich entspannt.

„Deshalb muss jeder (…) aufpassen, dass seine berufliche Laufbahn nicht in einer Sackgasse mündet.“

Für die entsprechenden Mitarbeiter stellen solche Stellen aber natürlich nicht unbedingt die besten Voraussetzungen dar, eine berufliche Perspektive in der Wissenschaft aufzubauen. Selbst mit einer schlecht bezahlten Zweidrittelstelle bleibt wenig Zeit, größere eigene Forschungsprojekte voranzutreiben. Und das Verträge irgendwann auslaufen, ist nun einmal seit mehreren Jahren ehernes Hochschulgesetz. Für „gute Lehre“ wird man allerdings im deutschen Hochschulsystem nicht belohnt. Deshalb muss jeder, der eine reine – befristete – Lehrbeauftragtenstelle hat, aufpassen, dass seine berufliche Laufbahn nicht in einer Sackgasse mündet.

Wie beurteilst du die Konkurrenzsituation an Greifswalder Lehrstühlen?

Zur Konkurrenz an Lehrstühlen kann ich nicht viel sagen. Die inhaltliche Arbeit ist ja zumeist kaum vergleichbar. Natürlich ist es positiv, wenn man in einer tollen Zeitschrift einen Aufsatz veröffentlicht hat, oder „sein“ Drittmittelantrag bewilligt worden ist. Konkurrenzdenken im Mittelbau selbst habe ich persönlich aber nicht wirklich erlebt. Das wäre auch äußerst kontraproduktiv, da gerade der – aus systemischen Gründen ungenügend vernetzte – Mittelbau, eigentlich daran interessiert sein sollte, untereinander solidarisch umzugehen.

Welche grundsätzlichen Zweifel am deutschen Universitätssystem tun sich bei dir auf?

Das was mich systemisch immer am meisten gestört hat, ist, dass gute Lehre nicht nur nicht belohnt, sondern – zugespitzt formuliert – bestraft wird. Wer viel Zeit in die Vorbereitung guter Lehre steckt, verliert Zeit für seine Forschungen. Da zumindest im Mittelbau immer die Uhr des Vertrags bzw. der Sechsjahresregel tickt, im System Wissenschaft aber grundsätzlich nur Forschung (Publikationen, Drittmittel) belohnt wird, lernt man eben recht schnell, Prioritäten setzen zu müssen. Auch wenn man sie vielleicht gar nicht so setzen will. Es wäre also ganz wichtig, dass in irgendeiner Form der Faktor Lehre in der Beurteilung und dann auch bei zukünftigen Stellenausschreibungen mehr Berücksichtigung findet. Hierzu bedürfte es aber regelmäßiger und ziemlich ausgeklügelter, fairer Evaluationssysteme.

Ohne den Mittelbau geht es nicht mehr ... !
Quelle: Kreckel, Reinhard: Akademischer Karrierewege zwischen Promotion und Professur (Beitrag zur Vierten Wissenschaftskonferenz der GEW), Templin 2010. http://goo.gl/zt0nM

Gibt es Lösungsvorschläge um die neuen „Lehrsklaven“ zu entlasten und mehr Raum für die eigene Promotion und Forschung zu lassen?

Mitarbeiter des Mittelbaus, die Lehrverpflichtungen in der Höhe von 1-2 Seminaren haben, sollten grundsätzlich gegenüber ihren Vorgesetzten auf ihre in der Regel vertraglich abgesicherten 50% freier Zeit pochen (bzw. halbe Stellen auch nicht mehr als 50% am Lehrstuhl arbeiten müssen!). Wenn Professoren und Professorinnen regelhaft mehr verlangen, sollte man dieses mit anderen Mittelbauern besprechen und dann mit gemeinsamer Stimme auftreten. Zu den Lehrbeauftragten, die mehr als zwei Seminare geben müssen und sich nebenher mit Dissertation und Habilitation weiter qualifizieren wollen: Grundsätzlich sollte es meines Erachtens derartige Beschäftigungsverhältnisse nicht geben, bzw. diese Stellen entfristet werden. Wer finanziell auf eine solche Stelle angewiesen ist, dem kann ich persönlich nur raten, möglichst schnell ein Stipendium einzuwerben, um aus einem solchen Beschäftigungsverhältnis wieder herauszukommen.

Da sich glücklicherweise in den letzten Jahren (zumindest für den Bereich Geschichtswissenschaft) die Zahl potentieller Stipendien erhöht hat, denke ich, dass jeder, der ein gutes Exposé hat, auch ein Stipendium einwerben kann.

„Stellen unterhalb einer halben Stelle sind (…) sittenwidrig.“

Wichtig ist ansonsten, dass Professoren und Professorinnen verantwortungsbewusst mit ihrer Vorgesetztenfunktion umgehen: Stellen mit einer höheren Lehrbelastung als zwei Seminaren pro Semester sollten nicht an Mitarbeiter vergeben werden, die sich qualifizieren wollen. Stellen unterhalb einer halben Stelle sind meines Erachtens zumindest dann sittenwidrig, wenn nicht zusätzlich weitere Stellenanteile vorhanden sind. Verträge sollten als Minimum eine Laufzeit von zwei Jahren mit Aussicht auf Verlängerung haben, damit man nicht bei Stellenantritt gleich wieder auf die Suche nach einer Anschlussbeschäftigung gehen muss.

Generell wäre es natürlich auf höherer Ebene wichtig, dass endlich die Sechsjahresregelung gekippt wird. Das würde vielen Nachwuchswissenschaftlern zumindest einen Teil ihrer Existenzängste nehmen und die unsägliche Praxis beenden, dass hochqualifizierte Wissenschaftler mit Mitte 40 plötzlich vor dem Absturz in Hartz IV stehen. Dazu bedürfte es auf Seiten der Hochschulleitungen mehr Mut, Stellen zu entfristen. Hierzu wiederum müssten den Hochschulleitungen natürlich auch die entsprechenden Budgets bewilligt werden, bzw. wenigstens – wie jetzt gerade etwa in Hamburg vereinbart – wenigstens auf mehrere Jahre planbare Budgets vorhanden sein.

Lohnt mit Blick auf die aktuelle Situation an den Universitäten generell der Gang in außeruniversitäre Arbeitsverhältnisse oder besteht die Aussicht, dass sich an den Gegebenheiten etwas ändern könnte?

Man muss natürlich vorweg sagen, dass die Situation von Nachwuchswissenschaftlern mit Ausnahme einer kurzen Phase in den Siebzigern immer derart problematisch war, in Deutschland und auch anderswo. Demnach stellen die heutigen Verhältnisse eigentlich gar nichts Ungewöhnliches dar und sollten auch jedem bekannt gewesen sein, bevor der Weg in die Wissenschaft betreten wurde. Dass sich zukünftig großartig etwas auf gesetzlicher Ebene ändern wird, sehe ich leider eher pessimistisch. Hochschule und dort vor allem der Mittelbau hatte und hat immer eine schlechte Lobby.

Aufgrund der hohen – leider notwendigen – allgemeinen Sparrunden der nächsten Jahre, wird sich meines Erachtens auch der finanzielle Spielraum an den Universitäten in den Geisteswissenschaften noch weiter einengen. Nichtsdestotrotz kann ich jedem, der die Bereitschaft und die Befähigung dazu hat, nur empfehlen, zumindest für eine Zeitlang eine Laufbahn an der Hochschule einzuschlagen. Die Durchführung eines eigenen Promotionsvorhabens stellt eine wunderbare intellektuelle und die eigene Persönlichkeit bereichernde Erfahrung dar.

„… der Mittelbau hatte und hat immer eine schlechte Lobby.“

Gleiches gilt im Übrigen – trotz der scheinbaren Belastung – auch für die Lehrtätigkeit. Jeder, der diesen Schritt wagt, sollte allerdings niemals ausschließlich auf diesen einen Weg setzen. Stattdessen sollte man gerade als Geisteswissenschaftler frühzeitig seine Fühler auch in andere Bereiche ausstrecken. D.h. etwa über Praktika oder die freie Mitarbeit auch einmal in die Wirtschaft, die öffentliche Verwaltung, die Presse, NGOs, etc. schauen. Sofern man auf Lehramt studiert hat, würde ich auch grundsätzlich jedem raten, noch sein zweites Staatsexamen zu absolvieren. Eine Alternative zur Hochschullaufbahn vor Augen zu haben, reduziert in jedem Fall die Zukunftsängste – man muss diese Alternative am Ende ja gar nicht ergreifen. Und ich habe ja bisher auch genügend tolle Nachwuchswissenschaftler kennengelernt, die heute eine Professur innehaben!

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

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