Wagt dieses Experiment – es ist eure letzte Chance!

Eine Klage von Eric Makswitat

Liebe Greifswalder Studierendenschaft,

du hast dich nicht mit Ruhm bekleckert. Nur knapp 15 Prozent von dir sind zur Wahl zum Studierendenparlament der Universität Greifswald gegangen. Bereits diese Steigerung um knapp 6 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr veranlasste altehrwürdige Hochschulpolitiker schon zur Aussage: Endlich wächst zusammen, was zusammen gehört. Die Welt der Jung-Politiker und die Welt der TV-Club-Freunde. Doch ich klage dich an, denn Zehntausend von Zwölftausend interessiert Demokratie an dieser Universität nicht mehr.

Ich blicke dir tief in das Gesicht und sehe nur Desinteresse. Du scheinst zu schwer beschäftigt mit deiner Karriere, deinem Lebenslauf verschönern, deinem Wunsch gepflegt in Ruhe gelassen zu werden. Regelmäßig jedoch beschwerst du dich über schwache Wahlbeteiligungen in entfernten vorpommerschen Dörfern: „Warum gehen die nicht wählen?“ „Ist denen da alles egal?“ „Davon profitiert doch nur die NPD!“ Jedoch frage ich dich, liebe Studierendenschaft, welchen Anspruch hast du diese Vorwürfe zu äußern, wenn du es nicht schaffst deine eigenen Strukturen zu legitimieren?

Fehlen dir vielleicht lohnenswerte Wahlziele?

Ein entscheidendes Thema sollte die Zusammensetzung des Senats an sich sein, gerade weil in der kommenden Legislatur ein neuer Rektor gewählt wird. Diese Gliederung entscheidet auch über die Grundausrichtung der Universität. Hier werden zum Beispiel folgende Fragen gestellt: Soll militärische Forschung an der Uni weiterhin möglich sein? ODER Hat die Lehramtsausbildung eine gesicherte Zukunft? ODER Warum vergammeln die Gebäude der Philosophischen Fakultät, während eine neue hochmoderne Mensa am Beitz-Platz gebaut wird? Interessiert hat das nur 12,2 Prozent. So viele sind nämlich zur Senatswahl, die in der gleichen Woche wie die StuPa-Wahl war, gegangen.

Entspannung um jeden Preis / Bild: Peter Smola pixelio.de

Ein weiteres Paradox: Es gab nur 31 Kandidaten auf 27 Plätze im Studierendenparlament 2012. Dabei ist davon auszugehen, dass jeder der Kandidaten früher oder später im StuPa sitzen wird. Genau wie ihre 34 Vorgänger in der letzten StuPa-Periode. Das heißt du hast ein doppeltes Problem! Du findest immer weniger Menschen aus deinen eigenen Reihen die sich einbringen wollen UND wenn sich wer findet, dann wählst du erst gar nicht.

Ob ich schon einmal vom „aufgeklärten Nichtwähler“ gehört habe? Das ist doch nicht dein Ernst. Nicht wählen gehen und dann noch behaupten, dass man aufgrund der guten Gesamtsituation keine Notwendigkeit dafür erachtet hat. Entschuldigung, aber nicht jeder studiert an dieser Universität Zahnmedizin. Das Historische Institut ist noch immer dicht, in die erste Etage der Kunstwissenschaft dürfen nicht mehr als 30 Personen, in der Anglistik sind 4 Leute auf der Treppe gleichzeitig strengstens untersagt, im Keller der Nordistik findet sich Asbest… Traumhafte Zustände. Studieren mit Meerwert nennt sich das in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich schlage ein Experiment vor. Wir schaffen die studentische Selbstverwaltung (AStA, StuPa, alle Fachschaftsräte) einfach ein Jahr ab. Wenn ihr keinen Unterschied bemerkt, euch nicht mehr wundert warum keiner die Erstiwoche organisiert, euch auch nicht mehr fragt warum die Gebäude hinter euch einstürzen und warum der Rektor schon wieder aus einen naturwissenschaftlichen Fach kommt, dann werde ich euch nicht wieder belästigen.

Keinen Vorwurf werde ich dann mehr vortragen. Wagt dieses Experiment, denn dieses Siechtum, dass ihr mit euren studentischen Vertretern veranstaltet, verlängert den Sterbeprozess nur unnötig.

Hand drauf!

Euer Eric Makswitat

P.S. Der Fachschaftsrat Geschichte und der AStA Greifswald haben in Absprache mit dem Prüfungsamt eine Verlängerung der Abgabefristen für Hausarbeiten erwirkt. Neuer Termin: 2. April 2012. Verdient habt ihr diese Verlängerung nicht. 😉

P.P.S. Die studentischen Medien suchen einen Nichtwähler für ihr nächstes Titelbild. Genug Auswahl ist ja vorhanden. Also bitte melden! Bekommt auch einen netten Eintrag in euren Lebenslauf.

 

3 Gedanken zu „Wagt dieses Experiment – es ist eure letzte Chance!“

  1. Hey, Eric,

    Was wäre, wenn man nur das Stupa abstieße? Immerhin ist es das Gremium, dass konkret zum Studium am Wenigsten beiträgt. Hat den Gedanken schon mal jmd. ernsthaft verfolgt?

    vg PJK

  2. Für die Imagekampagne „Studieren mit Meerwert“ gibt übrigens das Bildungsministerium MV, das von Minister Brodkorb geleitet wird, meines Wissens nach mehr als eine Million Euro aus. Geld, dass beispielsweise gut angelegt wäre, um die personelle Unterbesetzung des Historischen Instituts an der Uni Greifswald zu beheben. Aber auch einem sozialdemokratischen Bildungsminister scheint das Image der Bildung wichtiger zu sein, als die Bildung selbst (Ja, ich weiß, gleich werden alle Jusos auf mich einprügeln, dass ich unrecht hätte usw. usf.. Aber wenn Brodkorb mehr Geld für Bildung ausgeben will, kann er den ersten Schritt machen und diese unsinnige Geldverschwendungsmaschine „Studieren mit Meerwert“ abschaffen).

    Außerdem: Diejenigen, die sich beschweren, dass so wenig den Landtag usw. wählen, sind auch diejenigen, die wählen gehen. Diejenigen, die nicht wählen, beschweren sich in der Regel auch nicht darüber (wobei hoffentlich mehr Studierende da wählen gehen, als bei den Gremienwahlen).

    Ein wesentliches Problem sehe ich persönlich darin, dass der Fokus, auch und vor allem bei sämtlichen Hochschulgruppen ausschließlich (werbetechnisch) aufs Stupa, weniger auf den Senat oder Fakultätsrat gelegt wird. Dabei sind beide letztgenannten Gremien, wie du richtig festgestellt hast, die Entscheidenden (und zwar immer), wenngleich das Stupa nicht unbedeutend ist. Nur ist es eben kein so großes Entscheidungsgremium.

    Ein weiteres Problem: Die Art und Weise der Wahl: Es gibt z.B.: In Kiel generell nur Briefwahl. Warum nicht auch mal bei uns sowas ausprobieren? Wenn der Wähler nicht zur Urne geht, muss eben die Urne zum Wähler.

    Noch ein Gedanke zum „aufpolieren des Lebenslaufes“: Ich möchte wetten, dass nicht wenige sogenannte „Jung-Politiker“ Stupa, Senat, Fakultätsrat usw. ausschließlich für ihren Lebenslauf nutzen, ist doch auch das ein nettes „Gimmick“.

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